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Mittwoch, 17. Januar 2018

Turons Senf zur elften Folge Discovery


Spoilerwarnung.

Diese Rezension enthält massive Spoiler zur aktuellen Discovery-Folge "Der innere Wolf". Es empfiehlt sich daher, diese und sämtliche vorherigen Folgen gesehen zu haben, bevor man mit dem Lesen fortfährt.



I. Einleitung.
Da hat mir doch tatsächlich jemand vor einigen Tagen die Pistole auf die Brust gesetzt und im Zuge eines Radio-Interviews gefragt, wie ich die neue Star-Trek-Serie Discovery eigentlich finde. Ich druckste herum, kratzte sinnfreie Worthülsen zusammen und gab letztendlich ein erstaunlich unverfängliches Statement.
Wenig später habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich so reagiert habe.
Der Hauptgrund mag darin liegen, dass ich bislang schlichtweg noch nicht weiß, wohin die Serie führt. Ich habe jetzt einfach noch keinen Schimmer, ob die Prämisse der Serie mich zur Ausstrahlung der letzten Episode noch ansprechen wird, ob die Fortschritte in der Erzähltechnik am Ende die krassen Designbrüche rechtfertigen werden oder ob es nicht noch unbekannte Entwicklungen geben wird, die mich enttäuscht zurücklassen werden.
So hangle ich mich – irgendwo zwischen banger Furcht und brennender Neugier - von Folge zu Folge und vermeide eine direkte Antwort auf die Frage, wie ich Discovery denn finde so lange, bis ich meine Befürchtungen, Wünsche oder Prophezeiungen erfüllt sehe.
Oder eben nicht.


II. Story
Der Spiegeluniversumsalltag holt Captain Michael Burnham an Bord der ISS Shenzhou ein. Zwischen ihren Tagesroutinen wie gelangweilt auf dem Captains-Stuhl zu sitzen, Untergebene zu exekutieren oder sich Baden zu lassen, gewöhnt sie sich immer mehr an ihre Position, ihre Rolle und ihre Autorität und wird ein wenig aus dem Trott gerissen, als sie damit beauftragt wird, einen hochrangigen Rebellenführer in seinem Hauptquartier niederzumetzeln.
Umgehend treten Burnhams Sternenflotteninstinkte wieder zu Tage, denn die aus der Not geborene Widerstandsgemeinschaft aus Klingonen, Andorianern und Vulkaniern ist in diesem Universum so ziemlich der einzige Hort von Ideen, der den Föderationsidealen von Zusammenarbeit, Austausch und Miteinander wenigstens im Ansatz nahekommt. Sofort wittert sie eine Chance, die Aufständischen zum Wohle ihres eigenen Universums zu nutzen und verwässert die Befehle ihres gesichtslosen Imperators so lange, bis dieser persönlich auftaucht und die Maske des Schweigens fallen lässt…


III. Lobenswerte Aspekte.


Charaktermomente.
"Der innere Wolf" markierte die Rückkehr zur Perspektive Michael Burnhams und so wirkt es wohl nicht weiter verwunderlich, ihr die Pole-Position unter den Startern dieser Episode zuzugestehen. Sonequa Martin-Green spielt den von Eindrücken überschwemmten Charakter mit einer beneidenswerten Souveränität, vor allem wenn man bedenkt, dass sie sich in einer Tragödie griechischen Ausmaßes den Geistern der vergangenen Weihnacht (Sarek), der jetzigen Weihnacht (Georgiou) und der zukünftigen Weihnacht (Voq-Tyler) stellen musste. Ihr gelingt vor allem aber die Gratwanderung zwischen ihrer eigenen Welt und dem Spiegeluniversum, ohne sich in ihrem eigenwilligen Lösungsansatz nennenswert beirren zu lassen.
Die Reste des Casts sind bei Lichte besehen bessere Statisten. Fraglos spielt sich auch Shazad Latif den inneren Wolf von der klingonischen Seele, aber am Ende wirkt sein Coming Out doch etwas zu flach nach allem, was er für sein Ziel (was auch immer es gewesen sein soll) erdulden musste. Mein ganz persönlicher Höhepunkt war allerdings sein ungleicher Kampf mit sich selbst, der in seiner handgreiflichen Auseinandersetzung mit Mirror-Voq von der bloßen Metapher zum lebendigen Szenenbild mutierte. Immerhin eine schöne Idee, die man an dieser Stelle einmal lobend erwähnen sollte.
Ähnlich verhält es sich mit Tilly, Sarek oder Stamets. Fraglos agieren sie alle auf höchstem Level, aber ihnen fehlt der nötige Platz, um ihre Fähigkeiten angemessen zur Schau stellen zu können.
Immerhin bot sich Saru – vor allem in seinem etwas stark vom Grotesken geprägten Spiegelbild – und Detmer etwas Raum an, ohne dass die beiden Darstellungen allerdings einen Eindruck hinterließen, der vorherigem Lob nochmals die Krone aufsetzen würde.


Moral.
Wie bereits in der letzten Rezension beschrieben ist das Spiegeluniversum eine Sackgasse. Es ist das immer gleiche Lied vom ständigen Gegensatz des eigenen Seins mit den Umständen, die es geformt haben (vergleiche Denkwürdige Zitate). Das war in der Originalserie zweifelsohne mal eine nette Idee, aber schon bei Deep Space Nine oder Enterprise hatte sich dieser Topos erschöpft. Nachdem bereits "Nur wegen Dir" einen ähnlichen Weg einschlug muss ich nun eingestehen, dass es dieser Folge gelingt, das Spiegeluniversum um einen neuen Aspekt zu bereichern, der dennoch den traditionellen Interpretationsansätzen nahesteht. Es ist die gelungene Gratwanderung zwischen Neuinterpretation und Vergangenheitshörigkeit.
Dies liegt vor allem im Mix zweier grundlegender Aspekte begründet.
Zum einen ist Michael Burnhams standfester Glaube an die Prinzipien und Ideale von Föderation und Sternenflotte selbst in einer so düsteren Umgebung wie dem Spiegeluniversum nicht zu erschüttern.
Auf der anderen Seite versucht sie aber auch nicht, sich im sinnfreien Versuch zu verrennen, die verrohte Menschheit des Spiegeluniversums auf den rechten Weg zurückzuführen, sondern erkennt ihre Werte und Überzeugung auf Seiten der Rebellion wieder. Sie findet Inspiration in einer aus der Not geborenen Allianz aus Klingonen, Tellariten, Andorianern und Vulkaniern als alternative Interpretation der Föderation und fegt ganz nebenbei den recht homozentrischen Gedanken vom Tisch, dass es die Menschen sind, die der Föderation ihren Stempel aufdrücken. Stattdessen rückt sie die Idee von Kooperation, Demokratie und Völkerfreundschaft als universelles Leitmotiv in einen Mittelpunkt, der von allen Seiten getragen wird, wenn die Umstände es zulassen.
Ganz nebenbei findet sie darin sogar eine Lösung für die Konflikte ihrer eigenen Welt und einen Ausweg aus dem Krieg mit den Klingonen.
Gerade in diesem Punkt ist den Autoren gelungen eine eigene Utopie nachzuzeichnen, die in bester Star-Trek-Tradition steht, ohne unaufhörlich auf den altbekannten Motive herumzureiten.


IV. Kritikwürdige Aspekte.

Folgenanlage.
Fraglos ist es den Autoren gelungen, dem Spiegeluniversum eine clevere Daseinsberechtigung zu verleihen, aber der Preis dafür war erschreckend hoch.
So fällt auf, dass diese Episode knallhart mit ihrem Vorgänger bricht und das obwohl Jonathan Frakes sich sichtbar Mühe gegeben hat, eine ganze Reihe von Brücken zu bauen, von denen man bequem die Fahrt fortführen hätte können.
Aber nichts da; stattdessen werden die Karten neu gemischt und eine völlig neue Geschichte rückt in den Mittelpunkt, ohne sich thematisch allzu sehr um vorherige Cliffhanger zu kümmern. Wozu hat man sich überhaupt die Mühe gemacht Lorcas unerwartetes (und Burnhams Befehlen widersprechendes) Martyrium in der Agoniezelle zum dramatischen Abschlussbild der Folge zu stilisieren, wenn dieser Umstand letztendlich bestenfalls in einigen Nebensätzen Erwähnung findet?
Größer noch ist allerdings der Sprung von Multiperspektive zur Monoperspektive. Ohne Frage ist dies eine Burnham-Episode, in dem niemandem so viel Platz gelassen wird wie Sonequa Martin-Green. Zwar gibt es auch den ein oder anderen Ansatz für Tilly, Tyler oder Saru – aber auch wenn diesen zarten Anklängen von alternativen Handlungssträngen eine gewisse Bedeutung zukommt, verblassen sie doch im übergroßen Schatten der Hauptfigur. Schlimmer noch: Den knappen, übrig gebliebenen Platz müssen sich Stamets, Lorca und Co. auch noch mit lange nicht mehr gesehenen Gesichtern wie Sarek, Voq, T'Kuvma und sogar Captain/ Imperator Georgiou teilen. Und auf Spiegeluniversumscharaktere wie Killer-Detmer oder Schaumbad-Saru sei nur am Rande verwiesen.
Die Figurenbreite ist schlichtweg zu umfangreich und es fehlen eigentlich nur Mudd, Cornwell und L'Rell, um den Reigen der mehr oder weniger wichtigen Rollen der gesamten Serie endgültig vollzumachen. Im Endeffekt leiden an dieser Fülle die Nebenhandlungsstränge, die nur sehr sporadisch eingeworfen werden, um den roten Faden fortzuführen (so umfasst der wohl für die weitere Story wichtige Tilly-Stamets-Strang nur vier magere Szenen).


Im Hinblick auf die Spannung gelang es ebenfalls nicht in nennenswerter Weise Ausrufezeichen zu setzen (wenn man mal von einem Vorspann absieht, der erst nach knapp einer Viertelstunde einsetzt). Dass sich hinter Tylers Trauma-gebeugter Gestalt niemand anderes als Voq verbirgt, war spätestens seit "Nur wegen Dir" klar und dass es Michael Burnhams Dilemma vergrößern würde, wenn ihr früher idolisierter Captain Philippa Georgiou zum Imperator gekrönt würde, hat auch niemanden in meinem Dunstkreis wirklich vom Hocker gerissen. Tatsächlich hätte ich mir hier etwas mehr Mut von den Schreibern erhofft, denn ein Harry Mudd auf dem Thron des Terranischen Imperiums hätte der Folge eine in meinen Augen ungleich überraschendere Wendung beschert.
Hinzu kommt der immense Forderungskatalog, dem "Der innere Wolf" aufgrund seiner Sendeposution kurz vor Staffelende nachkommen musste.
Es war überfällig, Tyler als Voq zu enttarnen.
Der gesichtslose Imperator musste sein Antlitz offenbaren.
Stamets medizinischer Zustand steht noch immer in den Sternen.
In Anbetracht der Tatsache, dass uns nunmehr lediglich vier weitere Folgen bleiben um die Auswirkungen dieser und anderer Entwicklungen (z.B. der Krieg mit den Klingonen, Lorcas Intrigenspiel, das Scheitern des Sporenantriebs) zu thematisieren, kann man sich problemlos ausmalen, was für ein Husarenritt den Zuschauern innerhalb des nächsten Monats bevorsteht.




Logiklöcher und Kanonbrüche.
Es ist beileibe nicht alles doof in dieser Folge. So freute es mich, dass die Verantwortlichen sich den Spiegeluniversumsbart für Sarek aufgehoben haben. Die kurze schematische Darstellung des Inneren eines Klingonen war nicht weniger bemerkenswert. Und ich bin recht dankbar, dass das Make-Up-Make-Over für die Andorianer und Tellariten vergleichsweise milde ausgefallen ist.
Aber eine Sache störte mich dann doch massiv.
Während mich an den Abramstrek-Filmen unter anderem nervt, dass dort mit dem Transwarp-Beamen und den Superheilungskräften des Augment-Blutes hanebüchene Logikfehler bequemerweise mit Zauber-Elmenten zugeschüttet wurden, die nun jedoch in Abrede stellen, warum sich z.B. Picard in "Geheime Mission auf Celtris III" nicht einfachin den Föderationsraum zurückbeamt oder Tasha Yar in "Die schwarze Seele" überhaupt von Armus getötet werden konnte, hat Discovery nun geschafft, diese großen Schuhe thematisch ebenbürtig auszufüllen.
Mit dem rätselhaften und nur mäßig erforschten Myzel-Netzwerk verfügt man jetzt seinerseits ein Plot-Device, dass nicht nur große Entfernungen plötzlich überwinden kann, sondern auch in der Lage ist, verstorbene Crew-Mitglieder von den Toten auferstehen zu lassen.
Das ist eine bedenkliche Traditionslinie und es bleibt nur zu hoffen, dass dieser ganze Pilzantrieb so schnell wieder aus dem Star-Trek-Universum verschwindet, wie er sich dort vor einigen Folgen erst eingenistet hat.
Ansonsten gibt es selbstverständlich auch hier eine ganze Reihe merkwürdiger Ungereimtheiten.
So widersprechen die Verhüllungsfähigkeiten des Rebellenlagers der Aussage in "Die Tarnvorrichtung", dass den Klingonen dieser Realität die Tarntechnologie völlig unbekannt sei.
Überhaupt wirkt dieser ganze Föderationsvergleich (so schön er auch ist) etwas bemüht; vor allem wenn man sich vor Augen hält, dass die Allianz im Prinzip ein ähnlicher Haufen verbrecherischer Brutalos ist wie das Terranische Imperium und mit Tuvok sogar ein Vulkanier auf Seiten der Menschen kämpfen wird.
Ferner verwundert mich, dass Chekov anno dazumal für den Tötungsversuch an seinem Captain in eine Agoniezelle gesperrt wurde, während Tyler gleich zum Sterben ins All gebeamt wurde.
Immerhin war das für den Plot relevant.
Allerdings erklärt das nicht, warum die Discovery zufällig in Transporterreichweite war, als Tyler ins All veerfrachtet wurde, zumal das Schiff zu Beginn der Folge definitiv noch im selben Trümmerfeld herumdümpelte, in dem es bereits seit Anbeginn des Spiegeluniversumsabenteuers vor Anker lag.
Wie kamen das Schiff dorthin?
War es vielleicht doch mit der Shenzou im Orbit von Halkar?
Und warum nimmt die Imperatorin keine Notiz von der Discovery?


V. Synchronisation.
Die ist an und für sich ganz okay, wenn man mal von den typischen Übertragungsschwierigkeiten wie dem Duzen und Siezen absieht, die vor allem dann etwas deplatziert wirken, wenn irgendwann Burnham den Voq in Tyler zu siezen beginnt.
Ansonsten aber gibt es sogar den ein oder anderen Pluspunkt:
Detmers Stimme etwa wirkt im Deutschen deutlich lebendiger als im englischen Original.




VI. Fazit.
Zu den besten Folgen der Serie zählt "Der innere Wolf" vielleicht nicht, aber sie kann sich definitiv den Verdienst auf die Fahne schreiben, dass Spiegeluniversum durch eine Deutungsebene bereichert zu haben. Die Burnham-zentrierte Episode glänzt vor allem mit Momenten für ihre Hauptfigur und treibt die Handlung voran.
Und dennoch bleibt ein schales Gefühl zurück, weil die Folge sich erzählerisch übernommen hat, die Fehler J.J. Abrams wiederholt und auch sonst innere Schlüssigkeit oft genug vermissen lässt. Im Vergleich zu ihrem Vorgänger hinkt die Folge jedenfalls etwas hinterher.

Bewertung.
Ein etwas anderer Zugang zum Spiegeluniversum.






VII. Schluss.

Auch dieser Folge gelang es nicht in nennenswerter Weise, meine Entscheidungsfindungsphase nennenswert zu beeinflussen.
Im Gegenteil!
Zwar bot sie endgültige Auflösungen in einigen zentralen Handlungssträngen, aber nichtsdestotrotz sind wir von der endgültigen Auflösung noch immer meilenweit entfernt.
Und das vier Folgen vor Ende der ersten Staffel.
Darin liegt natürlich eine gewisse Spannung auf den Ausgang, die man durchaus als positiv werten kann. Inhaltlich aber ist es nicht gerade hilfreich ein Urteil über eine Serie zu fällen, die sich bis zum Schluss davor scheut, sich tiefer in die Karten blicken zu lassen.
So werden werde ich wohl erst im Februar eine Position beziehen können, die mehr umfasst als Sympathie, vorsichtiges Wohlwollen oder verhaltenen Unmut.


Denkwürdige Zitate.
"Ein… ein Sklave hat keinen Namen."
Mirror-Saru

"Wir alle sind Menschen. Wir haben alle die gleichen Triebe, die gleichen Bedürfnisse. Vielleicht weiß niemand von uns, aus welcher Welt er auch kommen mag, welche Dunkelheit in uns allen lauert.
"
Michael Burnham

"Ein totalitäres Regime ist naturgemäß ein ängstliches Regime."
Saru

"Manchmal rechtfertigt das Ergebnis furchtbare Mittel."
Gabriel Lorca

"Bitte, Sir, ich trage zwar kein Abzeichen mehr, aber ich gehöre zur Sternenflotte. Bitte zwingen Sie mich nicht, diese Koalition der Hoffnung zu vernichten."
Burnham zu Lorca

"Jede Schlacht hat zwei Seiten."
Burnham

"Du hast gesagt, ich wäre Deine Halteleine. Ash, ich brauche auch eine!"
Burnham

"Wir sind in einer archaischen und grausamen Welt gestrandet, aber wir sind immer noch die Sternenflotte. Wir leben und sterben immer noch nach ihren Gesetzen – wie abscheulich Ihre Verbrechen auch sein mögen."
Saru

Weiterführende Leseliste.
01. Rezension zu "Leuchtfeuer" und "Das Urteil"
03. Rezension zu "Lakaien und Könige"
04. Rezension zu "Sprung"
05. Rezension zu "Wähle Deinen Schmerz"
06. Rezension zu "Lethe"
07. Rezension zu "T=Mudd²"
08. Rezension zu "Si Vis Pacem, Para Bellum"
09. Rezension zu "Algorithmus"
10. Rezension zu "Nur wegen Dir"
11. Rezension zu "Der innere Wolf"


Mittwoch, 10. Januar 2018

Turons Senf zur zehnten Folge Discovery


Spoilerwarnung
.
Diese Rezension enthält ausführliche Einblicke in die zehnte Star-Trek-Discovery-Folge "Despite Yourself". Wer diese oder vorangegangenen Folgen noch nicht gesehen hat, sollte an dieser Stelle unbedingt aufhören zu lesen.


I. Einleitung.
Eines, was man der aktuellen Star-Trek-Serie "Discovery" auf jeden Fall zugutehalten muss ist, dass sie Trekkies erstmals in der Geschichte der Franchise massenhaft dazu animiert, ausgiebige Background-Theorien, mikroskopisch kleine Verdachtsmomente und fantasievolle Plot-Vorhersagen zu formulieren, zu diskutieren und im Internet zu verbreiten. Im Zusammenspiel mit der Nachbesprechungs-Show "After Trek" hat dieser Umstand eine blühende Einzelfolgenreflektionskultur aus dem Boden gestampft, wie sie zuvor völlig unbekannt war – wahrlich neue Welten sozusagen.
Einige dieser Theorien sind mittlerweile zu Grabe getragen. Andere, wie zum Beispiel der Umstand, dass Tyler und der klingonische Spion Voq ein und die selbe Person sind, sind mit der aktuellen Folge Fakt geworden. Aber statt sich auf dem bislang Erreichten auszuruhen, gibt auch "Despite Yourself" statt zahlreichen Antworten eher noch mehr Fragen auf, über die sich die Fanscharen die Köpfe zerbrechen können…


II. Story.
Gestrandet irgendwo im galaktischen Nirgendwo versuchen sich Captain Gabriel Lorca und die Crew der USS Discovery in einer völlig neuen Umgebung zu orientieren. Nach einem kurzen Intermezzo mit einem aggressiven vulkanischen Schiff gelangt die Mannschaft rasch zur Erkenntnis, dass man in ein düsteres Spiegeluniversum verschlagen wurde, in dem eine düstere Version der Menschheit der Milchstraße eine düstere Terrorherrschaft aufzudrücken versucht.
Auf der verzweifelten Suche nach einem Weg in ihre Heimatzeitlinie ersinnen Michael Burnham und Lorca einen verwegenen Plan:
Sie wollen ihre finsteren Alter Egos nutzen, um sich Zugang zu geheimen Informationen über die gleichfalls hier gestrandete USS Defiant zu verschaffen, die eine sichere Passage zurück versprechen. So findet sich Burnham einen halsbrecherischen Plan später auf der ISS Shenzhou wieder, wo sie nicht nur den grausamen Umgangsformen dieser Realität genügen, sondern mit ihrem immer fragiler auftretenden Liebhaber Ash Tyler einen Unsicherheitsfaktor ausgleichen muss…

III. Lobenswerte Aspekte.

Charaktermomente.
In dieser Folge bleibt "Discovery" der Multiperspektive treu, wodurch es insgesamt fünf Figuren gelingt, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Ganz oben auf der Liste steht mal wieder der Name Gabriel Lorcas, auch wenn sein Charakter noch immer nicht wirklich zu fassen ist. Auf der anderen Seite bedeutet dies aber auch, dass er so vielschichtig daherkommt wie nach ihm kein zweiter im restlichen Cast, denn er spielt eine ganze Reihe von unterschiedlichen Rollen:
Als ränkeschmiedender Intrigant füttert er Burnham und Saru gezielt mit falschen Informationen, zieht als scheinbar geläuterter Regelfetischist Doktor Hugh Culber von seinem Partner Paul Stamets ab, wirft immer wieder plötzliche Selbsteinsichten um das eigene falsche Handeln ein und ersinnt schließlich eigenständig eine höchst waghalsige Selbstmordmission, bei der man sich nur schwer vorstellen mag, dass es allein um die Sicherstellung unbekannter Informationen geht.
Einmal mehr wagt er die am Ende überraschend glaubwürdige Gratwanderung zwischen einem Captain und einem Fanatiker, der auch mal seinen Kopf zwecks Glaubwürdigkeit an einer Wand blutig schlägt und sich in einer Agoniezelle wiederfindet, die in Anbetracht des nahen Staffelendes wohl nur der Anfang seiner wirklichen Leidenszeit bedeuten dürfte. Symptomatisch kann definitiv sein Statement "Und ich hatte gehofft, hier eine bessere Version von mir selbst zu finden." zu Protokoll gegeben werden, was bei aller vermeintlichen Flachserei nicht eines gewissen Körnchens Wahrheit entbehrt.


Erst nach ihm kann Michael Burnham als eigentlicher Serien-Star ins Feld geführt werden. Während sie anfangs eine eher untergeordnete und passive Rolle spielt, steigert sie sich ab jenem Moment, an dem sie die sichere Discovery verlässt, um an Bord der ISS Shenzou den Geistern ihrer Vergangenheit zu begegnen. Ihren zweifellos größten Moment hat der Charakter, als sie zum zweiten Mal Danby Connor beim Sterben zusehen muss – und dieses Mal gezwungen ist, den Dolch eigenständig in den Körper des jungen Mannes zu rammen. In großartiger Manier zeigt sie inmitten einer von Brutalität beherrschten Umgebung eine schmerzhafte Menschlichkeit, die mehr als jede Dialogzeile den Gegensatz zwischen ihrer Zeitlinie und dem Spiegeluniversum verdeutlicht.


Zu den Gewinnern wird man wohl auch Sylvia Tilly zählen können, die eine ähnliche Transformation durchmacht: Während sie zu Beginn eher als billiger Gag-Lieferant dient, entwächst sie durch die erzwungene Inbesitznahme des Kommandostuhls ihrer verantwortungsarmen Kadettenrolle und muss einen Teil der Handlung auf ihren Schultern tragen. Das lohnt sich vor allem für die Schauspielerin Mary Wiseman, die an dieser Stelle einmal durchschimmern lassen konnte, zu was für einer Darstellungsbandbreite sie fähig ist.


Auch Tyler erreicht endlich jenen Punkt, auf den er seit seiner Platzierung in der Serie hingearbeitet hat: Er offenbart sich als Voq – auch wenn  dieser Verwandlungsprozess beileibe nicht so reibungslos über die Bühne geht wie von L'Rell geplant. So leidet der vermeintliche Sicherheitsoffizier an den Nachwehen der eigenen Selbstfindung und Shazad Latif spielt diese Zerrissenheit mit allen Höhen und Tiefen so grandios, dass man als Zuschauer zwischen Abscheu, Mitleid und Schock schwebt. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die allerdings am Umstand leidet, dass der Shockfaktor dieser Enthüllung durch die Spürnase zahlreicher Anhänger bereits im Vorfeld bis zur Unkenntlichkeit abgemildert wurde.



Last but not least bleibt Doktor Hugh Culber zu nennen, der in dieser Folge plötzlich so viel Platz erhält wie nie zuvor (und ihn auch in einigen beeindruckenden Szenen auszunutzen versteht). Sein überraschender Tod, der das Versprechen auf ein "Game of Thrones" im Star-Trek-Gewand nochmals einlöst, erfährt nun von vielen Seiten massive Schelte.
Auf der einen Seite etwa steht die Kritik, dass damit ein Klischee bedient würde, das homosexuellen Paaren auf der Mattscheibe kein anhaltendes Glück vergönnt sei.
Andere wiederum beschweren sich, dass Culbers plötzliches Ableben vor allem deshalb keinen Sinn hätte, weil er für die Handlung keinen Beitrag leistete und ohnehin nur ein kleinerer Nebencharakter gewesen sei.
Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen, auch wenn ich an dieser Stelle einmal einwerfen will, dass der Tod nicht wählerisch ist. Tylers Kapitalverbrechen war aus seiner Perspektive durchaus nachvollziehbar, im Vergleich zu anderen Main-Cast-Abberufungen (ich erinnere nur an Tasha Yar, Jadzia Dax oder Trip Tucker) dramaturgisch sinnvoller eingearbeitet und drehbuchtechnisch werden mit seinem tragischen Ableben die Karten noch einmal neu gemischt. Die Figurenbeziehungen werden urplötzlich wieder auf den Kopf gestellt und ein anderes großes Versprechen, dass die Produzenten vor Serienstart gaben, erhält neuen Aufwind:
Konflikten zwischen den Charakteren mehr Raum zu gewähren.
Insofern mag der Abgang des Mediziners sicher mehr Schockmoment geboten haben als die Enthüllungen um Tylers Identität, doch sie bergen genug Potential, um den eigenen Ansprüchen der Serie gerecht zu werden. Und allen, die diesen unerwarteten Mord noch nicht verdaut haben, sei an dieser Stelle verraten, dass die Produzenten bereits offen angekündigt haben, dass Doktor Culber mitnichten "hundert Prozent tot" sei.
Der Fokus auf diese fünf Stützen der Episode lässt natürlich andere Figuren etwas in den erzählerischen Hintergrund abdriften. In diesem Zusammenhang sind zweifelslos L'Rell, Paul Stamets, Connor oder Saru zu nennen, auch wenn es ihnen gelingt, in der wenigen Zeit, die ihnen vergönnt blieb, kleinere Ausrufezeichen zu setzen. Im Orchester der Großen spielen sie aber dennoch nur die zweite Geige.


Location, Location, Location!
Tadaa! Das Spiegeluniversum.
Zugegeben; "Despite Yourself" symbolisiert in puncto Handlungsort wohl eher etwas Zucker für die Fans, der in erster Linie dazu dient, eine Nostalgie und Faszination heraufzubeschwören, der sich vor allem altgediente Fans nur schwer entziehen können. Das Spiegeluniversum gehört zu den Lieblingsschauplätzen der Star-Trek-Anhänger und seine Popularität erstreckt sich nicht umsonst über mehrere Star-Trek-Serien hinweg.
Diesen Zauber lenkt die Leidenschaft der Fans in lediglich zwei mögliche Richtungen:
Entweder man hasst diese Folge, weil sie mit den vorherigen Exkursionen in diese Zeitlinie nicht konkurrieren kann oder man ist so angetan vom sentimentalen Déjà-Vu-Erlebnis, dass man über die vielen Unzulänglichkeiten (das veränderte Imperiums-Symbol, die nie zuvor erwähnte Union von Andorianern, Vulkaniern und Klingonen sowie der viel weniger aufreizende Kleidungsstil) hinwegschauen kann.
Ich persönlich tendiere dazu, die Visualisierung des Spiegeluniversums (trotz ihrer Fehler) als durchaus gelungen zu betrachten, denn "Despite Yourself" gelingt es tatsächlich, das Feeling einer uns völlig gegensätzlich ausgerichteten Menschheit zu transportieren. Nicht ohne etwas Scham gestehe ich, dass mir noch immer das Herz pocht, wenn ein mir bekannter Charakter oder seine Entsprechung plötzlich die Hand von sich streckt und dem terranischen Imperium eine glorreiche Zukunft wünscht. Aber auch wenn ich im Grunde weiß, dass es nichts anderes ist, als ein Stück Zucker, dass mir vor die Füße geworfen wird, verfehlt das bei mir nicht die anvisierte Wirkung.
Aber die Empfindung eines von Nostalgie geblendeten Altfans ist nicht zwangsläufig ein Garant für Erfolg. Erfahrungsgemäß ist gerade für Neueinsteiger das ungewohnte Terrain dieser alternativen Zeitlinie holprig und vergleichsweise schwer zugänglich. Daher wird sich vor allem in der kommenden Folge zeigen müssen, wie es den Autoren gelingt, aus der anderen Seite des Spiegels mehr herauszuholen als die Erinnerungen an alte Folgen anderer Serien. Dort wird Discovery zeigen müssen, ob es in dieser Realität ebenso einen bleibenden Eindruck hinterlassen kann, wie zuvor die Originalserie, Deep Space Nine und Enterprise.


Mut zur Lücke.
Die haben CBS und Netflix bereits bewiesen, indem sie zwischen der Ausstrahlung der vorangegangenen Folge und dieser eine so große Zeitspanne vergingen ließen. Der Rückblick war nach dieser langen Wartezeit daher absolut sinnvoll.
Mut zur Lücke kann man aber auch darin sehen, dass "Despite Yourself" weniger für sich allein, als vielmehr als erster Part eines klassischen Zweiteilers steht. Schon allein deswegen ist er eigentlich schwer zu bewerten.
Doch es gilt noch mehr zu erwähnen als nur Ausstrahlungsdetails, denn erstmals in der Geschichte Star Treks stirbt ein Mitglied der Main Crew durch die Hand eines anderen Mannschaftsmitgliedes, dessen Schauspieler im Vorspann namentlich erwähnt wird.
Da aber liegt in meinen Augen der Hauptverdienst der Folge. Sie erinnert uns durch die Lücke, die der Tod Culbers gerissen hat daran, dass (abgesehen von Burnham) kein Charakter davor gefeit ist, im Verlaufe einer Folge das Zeitliche zu segnen. Genau dieser Aspekt trägt für mich die Spannung der Serie und schüttelt jenes in Langeweile mündende Gefühl ab, dass den von Hauptdarstellern gespielten Figuren ohnehin nichts passieren kann (außer natürlich, die entsprechenden Schauspieler wollen am Staffelende aussteigen). Culbers Tod ist, auch wenn er vielleicht nicht zu den ganz großen Namen im Reigen der Hauptfiguren zählen mag, eine leise Erinnerung daran, dass ein ähnliches Schicksal früher oder später auch Lorca, Tyler oder Stamets ereilen kann.


Hommage an den Kanon.

"Die Vorstellung von Parallelwelten gibt es bekannterweise schon seit dem zwanzigsten Jahrhundert."
Gabriel Lorca

Stimmt.
Zum Beispiel wurde das Prinzip in dieser Epoche hinlänglich bei Star Trek behandelt!
Nein, (schlechter) Scherz beiseite, die Anspielungen auf den Kanon und vorangegangene Serien waren natürlich kaum zu übersehen – und dabei spreche ich noch nicht einmal von den typischen Ausstaffierungen für das Spiegeluniversum, die von Dolchen, erddurchbohrenden Schwertern oder Agonie-Zellen reichen.
Nein, es sind eher Elemente wie das an "Enterprise" angelehnte vulkanische Schiff, die an die Originalserie angelehnte gelbe Datenkarte Doktor Culbers oder die Wartungsfähre, die in ähnlicher Form meiner Erinnerung nach zum ersten Mal in der "Technik der USS Enterprise" zu sehen war.
Höhepunkt dieser spielerischen Verbeugungen war jedoch der schottische Akzent, mit dem der (aus Liverpool stammende) Brite Jason Isaacs hier an einen der bekanntesten Chefingenieure der Franchise erinnerte.
Star-Trek-Veteran Jonathan Frakes leistet mit seiner ersten Star-Trek-Arbeit seit zwanzig Jahren ein stabiles Regiedebüt, auch wenn er stilistisch an ein anderes Star Trek anknüpft. Frakes macht nämlich nahtlos da weiter, wo J.J. Abrams vor fünf Jahren aufgehört hat – inklusive Wackelkamera und Lensflares. Natürlich schafft er es auch, einige eigene Akzente zu setzen (z.B. der Transporterraumwechsel von der USS Discovery zur ISS Shenzou), aber thematisch schert er nicht in nennenswerter Weise aus der Inszenierungstradition heraus, die "Discovery" von Ausstrahlungsanfang an prägt.
Mein Lieblingsmoment ist übrigens ein vergleichsweise unauffälliger Augenblick.
Als nämlich Burnham an Bord der ISS Shenzou die Stiefel auszieht.
Was nach einer eher zufälligen Geste aussieht, ist für mein Empfinden eher clever iniszenierte Absicht, denn in der Originalserie gibt es ein einziges Mal eine ähnliche Szene (wenn auch gespiegelt) zu sehen. Als Kirk sich sein Schuhwerk in "Was summt denn da?" anzog, wollte man dem konservativ-christlichen Publikum in Amerika auf diese Weise subtil zu verstehen geben, dass Kirk gerade Sex mit der Scalosianerin Deela hatte. Es blieb – trotz der vielen angedeuteten Affären Kirks - die einzige derartige Andeutung bei Star Trek und ich glaube nicht, dass es sich um einen Zufall handelte, dass wir eine gespiegelte Version davon in "Despite Yourself" miterleben konnten, bevor Burnham und Tyler wild auf dem Bett des Captain herumknutschten (um kurz darauf ihre Jungfräulichkeit zu verlieren).
Sollte dies der Fall gewesen sein, so war es ohne Frage die bislang stilvollste Referenz auf die ursprünglichste aller Star-Trek-Serien.


IV. Kritikwürdige Aspekte.

Logiklöcher und Kanonbrüche.
Abgesehen von den üblichen Verdächtigen wie dem zeitlich unpassenden Schiffsdesign, dem nicht minder unpassenden Äußeren der Klingonen und der erst recht nicht zeitgemäßen Technologie (Zauberspiegel, Holokommunikation, holografische Bedienelemente), die in vorangegangenen Rezensionen zur Genüge besprochen wurden, komme ich auch dieses Mal nicht umhin zu bemerken, dass es wiederum reihenweise Logiklöcher und Kanonbrüche gibt.
Schon in der Anlage des Spiegeluniversums setzt sich die Ignoranz der Seriendesigner gegenüber den klassischen Vorbildern fort. Mal abgesehen von Killy-Tillys etwas arg kometenhaften Aufstieg - es gibt plötzlich eine nie angedeutete Allianz aus Andorianern, Vulkaniern und Klingonen, die scheinbar jener aus Klingonen und Cardassianern als Vorläufer dient. Der knappe Bekleidungsstil des Universums wurde durch eine rüstungsähnliche Montur ersetzt, die nicht nur weit weniger ansehnlich ist, sondern auch erahnen lässt, wie schwer der Fahrstuhlkampf zwischen Burnham und Connor für die Darsteller gewesen sein dürfte. Und das Symbol des Spiegeluniversum erhielt eine so drastische Rundumerneuerung, dass man die Traditionslinien zwischen Enterprise und TOS gleich mit ausradierte. Stattdessen trieb man die Verwendung von Spiegeln und Spiegelungen so sehr auf die Spitze, dass wirklich jedes Erdenemblem falsch herum ist (was wirklich keinen Sinn ergibt).



Den zweiten großen Knackpunkt sehe ich in der Constitution-Klasse. Die USS Defiant des Spiegeluniversum dürfte auf keinen Fall so aussehen, wie in "Discovery" gezeigt, da in der Enterprise-Doppelfolge "Im dunklen Spiegel" deutlich mehr Einfühlungsvermögen für die Optik des dreiundzwanzigsten Jahrhunderts gezeigt wurde, als es jemals in dieser Serie der Fall war. Aber zum Glück könnte man sich ja so rausreden, dass es sich in Ermangelung von Informationen um Archivaufnahmen aus der eigenen Schiffsbibliothek handelte.
Daneben gibt es reihenweise Unstimmigkeiten in der Handlung, die an ihrer Glaubwürdigkeit zerren.
So erklärt sich mir trotz Schweigegelübdes nicht, warum Dr. Culber kein Sicherheitsteam anfordert, als er eine klingonische Manipulation bei Tyler feststellt. Mal ganz abgesehen davon, dass er zwar nicht der Chefarzt ist, aber trotzdem der einzige Mediziner auf der gesamten Krankenstation zu sein scheint.
Ebenso allein scheint Tyler auf der Brig der USS Discovery zu sein. Oder Tilly im Maschinenraum. Wer ist eigentlich der Chefingenieur in Abwesenheit Stamets'?
Zudem ist mir noch nicht so ganz klar, ob nun Tylers Persönlichkeit auf einen zum Menschen veränderten Voq liegt oder Voqs Persönlichkeit auf einem originalen Ash Tyler?
Falls ersteres der Fall ist: Warum erkennt der Medinziner Culber dann nicht bei seinen neuen, viel gründlicheren Scan die ursprüngliche DNA des Klingonen? Oder wurden sämtliche Knochen und (doppelten) Organe ausgetauscht?
Und falls zweiteres der Fall ist: Wozu muss ihm dann jeder Knochen gebrochen werden?
Es bleibt immerhin zu hoffen, dass zumindest die letzten Fragen in den kommenden Episoden zu unserer Zufriedenheit beantwortet werden…


Moralität.
So schön das Spiegeluniversum auch ist, so eintönig erscheinen inzwischen auch die durchgekauten Metaphern, die mit solchen Reflektionen einhergehen.
Was sind wir wirklich? Was macht uns aus?
"Despite Yourself", auf deutsch am ehesten "Abgesehen von Dir selbst", stellt diese Frage schon in seinem Folgentitel und entsprechend lässt sich dieses Motiv auch an den meisten Beteiligten ablesen.
Bei Burnham stehen sich Gegenwart und Vergangenheit gegenüber, bei Tyler duelliert sich eine menschliche mit einer klingonischen Hälfte um die Vorherrschaft, Stamets bewegt sich zwischen Zurechnungsfähigkeit und Wahnsinn und Lorcas Persönlichkeit hat so viele Facetten, dass man sie ohnehin nie klar fassen kann.
Über allem steht natürlich die Frage, die aufkommt, seitdem das Spiegeluniversum erstmals bei Star Trek eingeführt wurde:
Sind wir wer wir zu sein glauben oder ein Produkt der äußeren Umstände?
Sind die vermeintlich gegensätzlichen Identitäten wirklich so abwegig wie sie anfangs scheinen?
Diese Frage nach eigener Identität lässt sich am ehesten noch in Sylvia Tillys Erfahrungen ablesen.
Wirklich neu ist das allerdings nicht.
Wie bereits erwähnt wurden diese Fragen schon in anderen Spiegeluniversumsfolgen so ausführlich behandelt, dass sie inzwischen etwas hohl und verbraucht wirken.
Lorcas halbherziger Versuch, das Spiegeluniversum und die Rolle jedes Individuums an Begriffe wie Vorhersehung, Schicksal oder Bestimmung zu koppeln, wirkt in diesem Zusammenhang vergleichsweise bemüht und wiederspricht ein wenig dem gängigen Sujet Star Treks, dass jeder Mensch für sein eigenes Handeln eigenverantwortlich ist. Immerhin bildet Burnhams Opposition zu diesem Gedanken einen Lichtblick in Bezug auf kommende Episoden.


V. Synchronisation.
Die Zeichen stehen auf Abschied von Benjamin Stöwe, auch wenn nicht zuletzt wegen der deutschen Stimme zu hoffen bleibt, dass der Doktor noch einmal, zweimal oder gar noch öfter auftreten wird.
Ansonsten gibt die deutsche Synchronisation ein gemischtes Bild ab. Sie wechselt munter zwischen guten, holprigen und inhaltlich veränderten Übersetzungen, wodurch z.B. manche Dialoge vergleichsweise unbeholfen und bruchstückhaft wirken (z.B. in der Brig der Discovery oder im Bereitschaftsraum des Captains). Zudem geht der schottische Dialekt in der deutschen Übertragung traditionsgemäß völlig unter.
Desweiteren stört mich vor allem, dass die schlecht gewählten deutschen Episodentitel (wie kann man aus "Despite Yourself" allen Ernstes "Nur wegen Dir" machen?) nur selten rechtzeitig zur Erstausstrahlung der Folge zur Verfügung stehen. Das nervt nicht nur deutschsprachige Zuschauer, sondern auch Rezensenten. Ein wenig kommt der Verdacht auf, dass beim englischsprachigen Streamingdienst Netflix fremdsprachigen Inhalten keine größere Bedeutung beigemessen wird.


VI. Fazit.
"Despite Yourself" ist ein wahrer Leckerbissen vor allem für Altfans, der sich nicht darauf ausruht, Nostalgiegefühle zu schüren, sondern auch beginnt, entscheidende Entwicklungen aufzulösen. Die Episode glänzt mit einer Vielzahl von Charaktermomenten für Lorca, Burnham oder Tilly, liebevollen Querbezügen auf den Kanon und wagt es, kontroverse Entscheidungen zu treffen.
Gerade die Idee, einen der Charaktere kurz vor Zieleinlauf zu eliminieren ist ohne Frage mutig, aber definitiv nicht ohne ihren Reiz. So bemühen sich die Schreiber redlich, den eigenen Zielvorstellungen für die Serie zu entsprechen.
Dass sie dabei sprichwörtlich über Leichen gehen, zeigt sich aber auch darin, dass ihnen selbst das Spiegeluniversum nicht heilig ist. Auch ihm drücken sie den einen fragwürdigen Designstempel auf, allerdings ohne frische philosophische Ansätze zu formulieren. Viel vom Gelingen dieser Folge hängt jedenfalls vom Erfolg der nächsten ab, für die "Despite Yourself" eher als erster Teil dient.


VII. Schluss.
Nach dem Schauen ist vor dem Schauen.
Wieder sind der Spekulation Tür und Tore geöffnet.
Was treibt die Discovery derweil in der originalen Zeitlinie?
Wer könnte jener gesichtslose und grausame Imperator sein? (Georgiou natürlich)
Ist Stamets‘ Krankenbettgeflüster wirklich so zusammenhangslos, wie Culber behauptete? (natürlich nicht)
Stammt Lorca aus diesem Spiegeluniversum?
Und vor allem: Hat Lorca die USS Discovery mit Absicht ins Spiegeluniversum verfrachtet?
Wer geglaubt hat, dass den Mutmaßungen der Fangemeinde mit der Enthüllung der Identität Tylers ein Riegel vorgeschoben wurde, dürfte sich eines Besseren belehrt sehen. Stattdessen hebt sich "Discovery" die letzten Rätsel bis zum Schluss auf und bringt die Trekkies dieser Realität auf eine Art und Weise zusammen, wie nie zuvor.

Bewertung.





Ein Spaß für die gesamte Spiegeluniversumsfamilie!

Denkwürdige Zitate.

"Schön, dass Sie sich zu uns gesellen, Mr. Tyler! Es war ja auch nur ein gelber Alarm…"
Captain Gabriel Lorca

"Ich bin am qualifiziertesten, dafür zu sorgen, dass er wieder gesund wird! Wollen Sie überhaupt, dass er wieder gesund wird? Oder wollten Sie, dass all das hier passiert?"
Dr. Hugh Culber zu Lorca

"Das sind keine Nachbarn, die man mal eben um Zucker bittet."
Lorca über das terranische Imperium

"'Captain Killy'? Das ist wirklich etwas platt…"
Saru

"Ich habe versucht sie zu verstehen und die Stärke der Terraner ist aus purer Notwendigkeit entstanden. Sie führen ein Leben in ewiger Angst. Immerzu auf der Hut vor dem nächsten, mörderischen Hinterhalt. Ihre Stärke ist übertünchter Rost; nur eine Fassade. Aber Du hast die Stärke einer ganzen Crew die an Dich glaubt. Ziehe Kraft aus unserem Glauben an Dich! So macht ein echter Captain das auch."
Michael Burnham zu Sylvia Tilly

"So behandeln Sie ihren verlorengeglaubten Captain? Würden Sie mich so begrüßen, würde ich Ihre Zunge rausschneiden und damit meine Stiefel polieren."
Tilly zu Captain Danby Connor

"Es war ein harter Kampf Captain zu werden als Sie weg waren. Am Ende hab ich es dann geschafft. Der Imperator hat etwas in mir gesehen."
"Schön für Sie…"
"Die ganze Crew hat sich nach meinem Sieg verbeugt. Aber nicht tief genug verbeugt!  Nicht so tief wie vor Ihnen. Ich muss sie dazu bringen mich zu fürchten. Und jetzt weiß ich auch endlich wie…"
Connor und Burnham

"Lang lebe Captain Burnham! Lang lebe das Imperium!"
Brückencrew der ISS Shenzou

Weiterführende Leseliste.
01. Rezension zu "Leuchtfeuer" und "Das Urteil"
03. Rezension zu "Lakaien und Könige"
04. Rezension zu "Sprung"
05. Rezension zu "Wähle Deinen Schmerz"
06. Rezension zu "Lethe"
07. Rezension zu "T=Mudd²"
08. Rezension zu "Si Vis Pacem, Para Bellum"
09. Rezension zu "Algorithmus"
10. Rezension zu "Nur wegen Dir"
11. Rezension zu "Der innere Wolf"

Sonntag, 4. Juni 2017

Turons Senf zum Discovery-Trailer


Einleitung. Ein guter Trailer erweckt bei uns Zuschauern eine unbändige Lust auf eine neue Serie. Er schürt die Vorfreude, spielt mit den Erwartungen der Fans und steigert die Spannung ins Unermessliche.
Insofern sind die beiden Star-Trek-Discovery-Trailer, die vor mittlerweile zwei Wochen in den Weiten des Internets für Aufmerksamkeit sorgten, für mich persönlich gescheitert.
Nicht, dass ich sie total doof fand oder – wie viele andere Star-Trek-Urgesteine in den Kommentarzeilen diverser Internetportale – völlig enttäuscht wurde, aber es gelang keinem der beiden Zusammenschnitte in mir eine der eingangs genannten Reaktionen hervorzurufen. Nun habe ich lange überlegt, woran das eigentlich gelegen haben könnte, habe die Spreu vom Weizen getrennt und möchte an dieser Stelle einmal die Gelegenheit nutzen zu erklären, was mir an diesem ersten Einblick in die kommende, siebente Star-Trek-Serie gut und weniger gut gefallen hat.




Lobenswerte Aspekte
.

Beförderungen. Für mich waren stets jene Star-Trek-Folgen am eindrucksvollsten, die aus dem üblichen Darstellungsrahmen herausbrachen und die Franchise um einen neuen Blickwinkel bereicherten. Zu diesen Meilensteinen zählten etwa Episoden wie "Im fahlen Mondlicht", "Es geschah in einem Augenblick" oder  auch "Carbon Creek", in denen der Zuschauer das Geschehen durch die Augen anderer zu betrachten lernt. Den Ehrenplatz unter diesen Folgen nimmt allerdings die TNG-Folge "Beförderungen" ein, in deren Verlauf eine Gruppe Junior-Offiziere kurz vor dem nächsten Schritt auf der Karriereleiter begleitet wird.


Reizvoll ist diese Episode vor allem deshalb, weil sie den Fokus von der traditionellen (und etwas eingerosteten) schiffs-zentrierten Erzählstruktur weglenkt, die Star Trek seit Anbeginn seiner Entstehung dominiert. Dabei ist es – wie die Karrieren der meisten Charaktere zeigt – Usus in der Sternenflotte, sich von Schiff zu Schiff hochzuarbeiten oder auch, wie etwa Tom Paris oder Ro Laren, einschneidende Laufbahnrückschritte hinnehmen zu müssen. Man wird von Posten zu Posten auf unterschiedlichen Stationen oder Schiffen durchgereicht, bevor man schließlich auf jenem Stuhl in der Mitte der Brücke landet, den so ziemlich jeder Sternenflottenoffizier tief in seinem Herzen begehrt.
Nun scheint mit Discovery und seiner Zentrierung auf den Hauptcharakter Michael Burnham genau der Fall einzutreten, dass sich eine ganze Serie diesem Lebenslauf-Prinzip widmen wird. In meinen Augen ist das ein ebenso erfrischender wie nachvollziehbarer Perspektivwechsel:
Schließlich kann man zum Beispiel im Fußball eine Dekade Bundesliga problemlos aus der Sicht eines Vereins, aber ebenso spannend auch im Hinblick auf den Werdegang eines einzelnen Spielers erzählt werden. Das Konzept birgt jedoch vor allem in Bezug auf Star Trek und der hierarchischen Struktur der Sternenflotte eine Menge Potential und verspricht für die kommende Serie eine wirklich noch nie dagewesene Prämisse. So kann Discovery aus dem Schatten seiner Vorgänger treten, völlig andere Geschichten erzählen und doch der großen Tradition treu bleiben. Vor allem aber bietet sie eine Glaubwürdigkeit, die den Fans seit Rikers so verzweifelten Klammern an der Position des ersten Offiziers der USS Enterprise nicht mehr vergönnt war.


Diversität. Die bisherige Darstellerriege greift gleich zu Beginn ein zentrales Thema Star Treks auf: seine Multikulturalität. Es gibt einen farbigen Hauptcharakter (Michael Burnham), einen asiatischen Captain (Philippa Georgiu) und einen neuen (frischen) Charakter einer unbekannten Spezies (Saru).


Damit greift sie nicht nur den Trend zu einer besonders diversen Crew (insbesondere die Multiethnizität bei TOS und TNG) auf, sondern geht vielleicht noch einen Schritt weiter:
Der Hauptcharakter Michael Burnham ist nicht nur scheinbar von Vulkaniern aufgezogen worden, sondern auch – entgegen seinem Namen – weiblich. Das wiederum führte zu heißen Diskussionen im Internet, ob es sich um den ersten transsexuellen Charakter handeln könnte, den die Star-Trek-Geschichte hervorbringen würde. Auch damit würden die Schöpfer eine gute alte Star-Trek-Tradition pflegen, die seit Folgen wie "Platons Stiefkinder", "Wiedervereinigt" oder selbst "Star Trek Beyond"  aktiv Position für fundamentale Menschenrechte bezogen.


In der Ruhe liegt die Kraft. Es ist auffällig, wie gut beide Trailer ohne Kampfszenen, Explosionen oder Feuergefechte auskommen. Stattdessen herrscht ein vergleichsweise dialog-lastiger Tenor vor, der dem eigentlichen Inhalt irgendwie zu wiedersprechen scheint. Denn obwohl klar ist, dass es sich bei beiden Vorschau-Spots wohl eher um Zusammenschnitte aus dem Pilotfilm handelt, dessen Handlung sehr wohl kriegerische Auseinandersetzungen beinhaltet, scheint es, als würden die verantwortlichen Produzenten durch den offensichtlichen Verzicht ein klares Zeichen setzen wollen: 'Seht her, wir sind mehr als anspruchsloses Popcorn-Kino.' Ob sich diese Kernaussage bewahrheiten wird, bleibt wohl abzuwarten; als Statement ist es dieser Tage jedoch – gerade im Hinblick auf die nun folgenden 'Kritikwürdigen Aspekte' eine willkommene Demonstration des guten Willens.


Kritikwürdige Aspekte.

Ein Stückchen Abramsverse in der Originalzeitlinie. Seit dem Star-Trek-Reboot im Jahre 2009 gibt es einen Effekt, der wie wohl kein Zweiter den Hass der Fangemeinschaft auf sich zieht: Lensflares.
Das fragwürdige stilistische Mittel war so überzogen eingesetzt, dass es sich zum Gegenstand des Gespötts entwickelte und selbst Abrams sich für dessen Verwendung entschuldigte.
Man könnte nun glauben, dass die Verantwortlichen aus diesem Fiasko gelernt hätten, doch das Gegenteil ist der Fall. Beide Trailer strotzen nur so vor überflüssigen Blend-Effekten.
Doch damit nicht genug.
Design-technisch steht die Serie deutlich in der Tradition des Abrams-Ablegers: die Uniformen, die Beleuchtung, das Aussehen der Schiffe oder die Konzeption der Bord-Instrumente sind so deutlich an die Reboot-Filme angelehnt, dass man als Fan schon berechtigte Sorgen haben muss, dass diese Ähnlichkeiten – so sehr sie eventuell an den veränderten Sehgewohnheiten unserer Tage orientiert sind – auch eine inhaltliche Fortsetzung finden. Es besteht die Gefahr, dass sich die kommende Serie ebenso an der Aussage-armen Kino-Film-Mentalität orientiert, womit sie Gefahr läuft, die Star-Trek-hungrigen Zuschauerschaften, die die Entstehung dieser Serie überhaupt möglich gemacht haben, gänzlich zu verprellen. Denn es ist zwar für Discovery überlebenswichtig, neues Fernseh-Publikum zu erschließen, aber nicht minder zentral, die Majorität der bestehenden Fan-Basis zu besänftigen. Dieses Mal – auf dem für die Franchise so vertrauten Fernsehbildschirm - kann der Anspruch nämlich nicht 'Not Your Father’s Star Trek' lauten.


Wieder ein Prequel. Die in meinen Augen allerdings fragwürdigste Entscheidung bleibt immer noch die Idee, Discovery zehn Jahre vor der Original-Serie spielen zu lassen. Nachdem bereits "Star Trek: Enterprise" so fulminant gegen die Wand gefahren wurde und J.J. Abrams das Feld mit seinen Reboot-Filmen plattgewalzt hat, wage ich zu bezweifeln, dass der Rückbezug unmittelbar vor eine mehr als fünfzig Jahre alte Serie, die den Produzenten zu 'cheesy' erschien, um sich an deren Design zu orientieren in der Lage ist, neue Zuschauergruppen zu erschließen.
Mal im Ernst: Niemand hätte etwas dagegen gehabt, wenn die neue Serie zwei, zwanzig oder zweihundert Jahre nach Nemesis gespielt hätte. Stattdessen begab sich die illustre Runde der Produzenten auf das glatte Eis eines Prequels.
Was dabei offensichtlich übersehen wurde: Es gab bereits einen Einblick in die Sternenflotte zehn Jahre vor TOS: Er hieß "Der Käfig", war als ursprünglicher Pilotfilm für TOS gedacht und diente als Haupterzählstrang des Zweiteilers "Talos IV – tabu". Vergleicht man nun die Trailer mit dieser Folge wird schnell klar, wie wenig Discovery in die Original-Zeitlinie passt.


Nun kann man natürlich nicht ganz zu Unrecht einwerfen, dass Widersprüche ein fester Bestandteil der Star-Trek-Kultur sind:
Zum Beispiel Khan, der sich im zweiten Kinofilm an Chekov erinnern kann.
Oder die Tatsache, dass sich die Romulaner bereits in "Das Minenfeld" tarnen können, aber in "Spock unter Verdacht" alle mit dem selben Trick überraschen können.
Oder die Trill, wie sie in"Odan der Sonderbotschafter" und "Der Abgesandte" in Erscheinung treten.
In die gleiche Kategorie plötzlicher Erscheinungsveränderung dürften wohl auch die etwas befremdlichen Klingonen in den Vorschau-Filmchen fallen, die laut Star-Trek-Historie (vgl. "Die Heimsuchung", "Die Abweichung", "Kampf um Organia", "Star Trek – Der Film" oder "Immer die Last mit den Tribbles") keine Stirnwülste haben sollten.


Das mag jetzt für ‚Softcore‘-Fans kein großes Problem zu sein, aber bei Lichte besehen macht Star Trek vor allem seine zeitliche Geschlossenheit aus. Diese innere Chronologie, auf die sich selbst spätere Folgen wie "Besuch von der alten Enterprise", "Immer die Last mit den Tribbles" oder auch "Im dunklen Spiegel" beriefen, ist der Kern der Faszination für viele Fans (wie z.B. mich selbst), die ihn ungern mit Füßen getreten sehen.
Man stelle sich nur einmal vor, dass die mittelalterlichen Langboote in der Hit-Serie "Vikings" bei ihren Beutezügen gen England plötzlich frühneuzeitlichen Galeonen mit Kanonen begegnen würden. Ein Faux-Pas, der der Serie definitiv Zuschauer kosten würde.
Ähnlich verhält es sich mit Star Trek: Stirnwulstlose Klingonen, bunte Knöpfe und nicht minder bunte Uniformen sind schlichtweg ein Teil einer größeren Geschichte.
Die Annahme, dass es sich bei aller Fiktionalität um eine Fortsetzung der Zeitlinie handelt, ist ein zentraler Aspekt seiner Existenz in allen sieben Serien.
Von daher ist es vielleicht gar keine so schlechte Idee, wie bei Marvel einen Supervisor zu installieren, der auf die Einhaltung der bestehenden Zusammenhänge achtet.
Schließlich muss sich eine Serie wie Discovery, über der von Anfang an das Damokles-Schwert der Original-Serie schwebt, eine Kontrollinstanz schaffen, der sich zumindest bemüht, die Anzahl der Widersprüche zum Kanon so gering wie möglich zu halten. Ansonsten läuft sie durch die Wahl eines Prequels Gefahr, die gleiche – wenn nicht noch größere – Ablehnung wie das Abramsverse zu erfahren.


Fazit. Ich möchte wirklich nicht in den Schuhen der Verantwortlichen dieser Serie stecken. Die Macher müssen es schaffen, ein Produkt abzuliefern, dass dem launigen Sender CBS gefällt, dass neue Zuschauerschichten akquirieren kann, die alten Fanschichten bei der Stange hält, die Zeitlinie beachtet, die Fehler der Vorgänger vermeidet, etwas Neues bietet, die alten Traditionen befolgt und vor allem von Anfang an ein Quotenerfolg wird.
Böse Zungen könnten behaupten, dass dieser Spagat unmöglich sei und definitiv wird nicht jeder Discovery mögen. Doch anstatt das Glas als 'halb leer' zu bezeichnen, versuche ich mich vor allem auf die positiven Signale zu stützen, ohne die negativen Seiten auszuklammern. Sie halten sich nämlich die Waage und es ist noch viel zu früh, um ein Urteil über eine noch nicht ausgestrahlte Serie anhand ein paar Schnipsel aus dem Pilotfilm zu beurteilen.
Und machen wir uns nichts vor: Wir alle werden uns Discovery ansehen, egal welchen Eindruck der ein oder andere Trailer hinterlässt. Es ist die erste Star-Trek-Serie seit mehr als zehn Jahren und wenn mich die Franchise eines gelehrt hat, dann ist es neuen Welten gegenüber offen, neugierig und unvoreingenommen gegenüberzustehen.


Freitag, 22. Juli 2016

Turons Senf zu Star Trek: Beyond [Spoilers!]

Spoilerwarnung. Vorsicht, dieser Text enthält massive Spoiler!


Einleitung. Fünfzig Jahre wird Star Trek in wenigen Tagen alt und der langerwartete Höhepunkt des Jubiläumsjahres ist nun im Kino erschienen: Mit "Star Trek Beyond" schickt sich der insgesamt dreizehnte Kinofilm an, alte und neue Fans zu gewinnen. Im Rahmen einer Vorpremiere konnten sich Mitglieder der Tafelrunde bereits vorab einen ersten Eindruck des Films verschaffen.


Story. Amtsmüde erreicht Kirk als Kommandant der USS Enterprise die State-of-the-Arts-Raumstation Yorktown, um neue Energie für die ermüdende Fünf-Jahres-Mission zu tanken, die ihn und seine Crew etliche Kraftreserven gekostet hat. Sowohl er als auch sein erster Offizier Spock beginnen jedoch allmählich, an der Rechtmäßigkeit ihres Platzes an Bord zu zweifeln.
Ein vermeintlich letztes Mal brechen sie gemeinsam auf, um eine gestrandete Crew zu retten und geraten dabei in einen sorgfältig orchestrierten Hinterhalt: Plötzlich wird das Schiff von unaufhaltsamen Kleinstschiffen attackiert, denen es nicht nur gelingt, den Großteil der Crew zu entführen, sondern auch die stolze Enterprise zu zerstören.
Voneinander getrennt versuchen die Besatzungsmitglieder auf der Oberfläche eines nahen Planeten, die Umstände ihrer prekären Situation zu ergründen und müssen dabei herausfinden, dass weit mehr als nur ihr eigenes Leben auf dem Spiel steht: Die gesamte Existenz der Föderation ist bedroht wenn es Kirk und seiner Crew nicht gelingt, die Pläne ihres Widersachers zu durchkreuzen.

Lobenswerte Aspekte.


Freiräume. Waren die beiden vorangegangen Star-Trek-Reboot-Filme noch zentriert auf das neu zusammengewürfelte Trio Kirk-Spock-Uhura, bleibt der große Verdienst dieses Films, nicht nur der eigentlichen Original-Konstellation um Kirk, Spock und Pille angemessen Tribut zu zollen, sondern auch den sonst eher vernachlässigten Nebencharakteren weitreichende Freiräume zu lassen, die selbst denen in "Das unentdeckte Land" mühelos das Wasser reichen können.
Besonders ab dem Moment, in dem sich Zweier-Teams formieren, um gemeinsam auf Altamid herumzustreunen, glänzen plötzlich selbst jene Figuren, die zuvor kaum über den Status schmückenden Beiwerks hinauskamen.
Der mittlerweile leider verstorbene Anton Yelchin etwa, dessen Interpretation Chekovs ein emotionaler Höhepunkt dieses Films war. Oder Montgomery Scott, dem es gelang, sich vom humoristisch-überladenen Keenser-Schatten zu lösen und wirkliche Akzente zu setzen.
Der wahre Gewinner allerdings war Leonard McCoy, der im Zusammenspiel mit Spock erstmals jene unverkennbaren Schlagabtäusche lieferte, die die Seele der Original-Serie maßgeblich ausmachen (Urban wäre allerdings auch ohne diese Ausweitung seiner Rolle wohl kaum zu halten gewesen).
Im Prinzip sind die Nebendarsteller der große Star des Films, auch wenn Chris Pine und Zachary Quinto wie gewohnt außergewöhnlich gute (Pine) oder gute (Quinto) Darstellungen boten.
Die einzigen Verlierer waren hingegen Sulu und Uhura. Während die späteren Szenen des Steuermann der Enterprise wohl eher wegen seiner eingangs angedeuteten Homosexualität in den Hintergrund gedrängt wurden, blieb die Teilzeit-Geliebte Spocks größtenteils auf ein Schmuckstück reduziert, das ihr von ihrem Lebensabschnittsgefährten verliehen wurde.


Musik. Hier ein paar TOS-Anleihen, dort klingt es ein wenig nach den ersten sechs Kinofilmen und dann doch wieder die inzwischen wohlbekannten Hornbläsereinsätze des Abrams-Universums – die einfühlsame musikalische Untermalung aus der Feder Michael Giacchinos war fraglos ein Höhepunkt des Films. Die Symbiose aus den verschiedenen Star-Trek-Bereichen gelingt vor allem musikalisch und selbst wenn man viele Stücke zuvor bereits gehört hat, kann man sagen, dass dieser Soundtrack der wohl reifste aller Reboot-Vertonungen ist.
Im Vergleich dazu wirkte der dritte Auftritt der Beastie Boys oder die Abspann-Untermalung von Rihanna jedenfalls arg bemüht und eher künstlich in Szene gesetzt.

Abramstrek ohne Abrams. Das Beste zu Beginn: Es gibt keine Lensflares!
Selten hat die Abwesenheit eines Stamm-Regisseurs einem Film so gut getan wie diesem, denn mit dem Fehlen des Star-Wars-Regisseurs geht auch der Verzicht auf dessen stilprägende Fehlleistungen einher.
Es gibt keine Wunder-Gimmicks wie rote Materie mehr; kein Augment-Superblut hindert die Crewmitglieder am Sterben und sie beamen sich auch nicht einfach mit Super-Transwarp-Transportern auf den Planet Kralls.
Klingt komisch, aber als längjähriger Star-Trek-Fan liegt für mein Empfinden darin ein großer Pluspunkt des Films.
Doch damit nicht genug!
Sofia Boutella, der weibliche Hauptgaststar des Films muss sich nicht erst bis auf die Unterwäsche entblößen, um einen veritablen Charakter innerhalb des Gesamtensembles darzustellen. Zwar verfehlt der Film noch immer den Bechdel-Test, aber immerhin bietet die abgeklärte und toughe Frau ein Rollenmodell für Frauen, wie es bei Star Trek es mit Deanna Troi, Jadzia Dax oder Kathryn Janeway längst schon zur Tradition und Unterscheidungsmerkmal geworden ist.
Mit der neuen Führungsriege rückte der Reboot somit erstmals in die Nähe dessen, was Star Trek eigentlich ausmacht.
Hinzu kommen einige neue Ideen, wie die Ansicht der Yorktown-Station, der Funktionsweise der Krall-Schwarms oder der vielen neuen Alien-Masken. Das Bemühen, dem Zuschauer neue Welten, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen vorzustellen, ist Star Trek Beyond deutlich anzumerken.


Anspielungen für die Fans. Vielen uneingeweihten Zuschauern werden die Details sicherlich entgehen, die alte Star-Trek-Hasen vor Entzückung mit der Zunge schnalzen lassen. Die Erwähnung einer grüne Hand etwa. Oder die Benennung der Station Yorktown, die an die NCC-1701-A denken lässt (und von einer Paris geführt wird). Oder Demora Sulu, das Kind, dessen Foto der Steuermann der Enterprise in Ehren hält. Der Absturz der Enterprise auf dem Planeten, die an die Notlandung der Enterprise-D auf Veridian III erinnert. Die USS Franklin, die erstaunliche Ähnlichkeit mit der nie offiziell bestätigten Loknar-Klasse aufweist. Die Erwähnung der Stargazer auf der Yorktown-Station und die Lösung des Rätsels, was mit den MACOs nach der Gründung der Föderation geschah.
Dem Otto-Normal-Zuschauer werden solcherlei Informationen wohl kaum im Gedächtnis hängenbleiben, doch für die vielen Fans sind sie zum fünfzigsten Jahrestag ein gelungenes Ausrufezeichen ihrer Lieblingsfranchise.


Würdiger Abschied. Als gegen Ende des Films Kirk anlässlich seines (oder Star Treks) Geburtstag sein Glas auf "abwesende Freunde" erhebt, fasst er mit nur einem Toast treffend zusammen, was den Film letztendlich besonders macht. Der Abschied von Legenden wie Nimoy und dem vielversprechenden Nachwuchs-Chekov Yelchin machen diesen Film für Fans zu einer emotionalen Achterbahnfahrt und zu einem eindringlichen Erlebnis.
Vielleicht mag sich dieser Aspekt und dieses Gefühl bei nachfolgenden Zuschauergenerationen nicht mehr einstellen, aber besonders jenen, die in den letzten Tagen, Monaten und Jahren Abschied von so vielen verdienten Darstellern nehmen mussten, wird dieser Film nicht zuletzt deswegen in (etwas wehmütiger) Erinnerung bleiben.

Kritikwürdige Aspekte.


Der Bösewicht. Eines der größten Mankos Star Trek Beyonds ist sein durchweg blasser Bösewicht. Zugegeben, Star-Trek-Filme haben selten mit so wirklich überzeugenden Antagonisten aufwarten können und es wirkte aufgrund der vorangegangenen zwölf Versuche umspannenden Schurken-Fluches fast schon folgerichtig, dass J.J. Abrams für den Vorgängerversion "Into Darkness" mit Khan den einzigen Widersacher reanimieren musste, der aus dem traurigen Haufen von Shinzons, Kruges, Ru'afos oder Doughertys deutlich herausragte.
Krall, bzw. Balthazar Edison blieb die knapp hundertdreiundzwanzig Filmminuten über jedenfalls meilenweit hinter den Erwartungen der Zuschauer zurück.
In diesem Zusammenhang war die Besetzung mit Idris Elba wohl Segen und Fluch zugleich: Der fraglos großartige Schauspieler vermochte es trotz hoher Vorschusslorbeeren nicht, unter den meterdicken Make-Up-Schichten sein schauspielerisches Potential angemessen abzurufen. Selbst  gegen Ende des Films, als es ihm gestattet war, die vermeintlich störenden Latexprothesen abzulegen, war es ihm nicht vergönnt, den längst festgefahrenen Karren aus dem sprichwörtlichen Dreck zu ziehen und die Kinogänger maßgeblich davon zu überzeugen, dass das Scheitern dieser Rolle 'nur' jener Begrenzung der Mimik geschuldet sei.
Der vernichtetende finale Eindruck lag allerdings nicht nur in der eher mäßigen Darbietung begründet, sondern auch in der kaum nachvollziehbaren Figurenmotivation, den unklaren Absichten des Charakters und den fragwürdigen Ressourcen, mit denen dieser Kleinkriminelle plötzlich aufwarten konnte.
Am Bösewicht Krall war an dessen viel zu absehbarem Ende schlichtweg kaum etwas angsteinflößendes, bedrohliches oder gar überlegenes zu erkennen, so dass man seine Anwesenheit im Film am Ende eher als Ballast denn Bereicherung empfand. Verglichen mit  anderen Antagonisten der  Star-Trek-Filmgeschichte wirkten schließlich selbst schillernde Außenseiter wie V'ger, die Walsonde oder gar Gott glaubwürdiger und fürchtenswerter als dieser farblose Aushilfskontrahent.


Ein Actionfeuerwerk. Warum ausgerechnet Justin Lin zum Regisseur des dreizehnten Kinofilms gekürt wurde, war wohl eher ein mäßig schwierig zu lösendes Rätsel für die meisten eingefleischten Star-Trek-Anhänger, die im Vorfeld im Star-Trek-Reboot ohnehin nur einen Ausverkauf der Franchise vermuteten. Wer aber (wie ich zum Beispiel) innig gehofft hatte, dass der verdiente Regisseur diese Gelegenheit am Schopfe packen würde um der wartenden Welt zu beweisen, dass er mehr leisten könnte als sinnfreie Action-Steifen auf Speed, der muss vom diesem Film wohl zumindest in weiten Teilen auf den Boden der Realität zurückgeholt werden.
Justin Lin hat seine zuvor hinlänglich erprobte Handschrift deutliche auf Beyond übertragen können und auch wenn es erfreulich ist, dass Lens Flares in diesem Film keinen Einsatz erfuhren, bleibt die rasche Abfolge von streckenweise mäßig sinnvollen Action-Sequenzen ein weiterer großer Kritikpunkt dieses Films. Dem Zuschauer blieb kaum die Möglichkeit, zwischen den unzählbar vielen Explosionen, Stunts und Kampfszenen überhaupt ausreichend Luft zu holen.
Dieser Zelluloid gewordene Gegensatz zur eher mäßigen Handlung wird durch solcherlei extremistische Überbetonung der Action eher weiter verschärft und es bleibt im direkten Vergleich festzuhalten, dass gegen diesen Streifen sowohl Star Trek 11 und Into Darkness wie ein gemütlich vor sich hinplätschernder Rosamunde-Pilcher-Streifen wirken.
Verstärkt wird dieser Eindruck zusätzlich durch den ebenso extensiven wie sinnfreien Einsatz von 3D-Effekten, den man sich genauso gut auch hätte sparen können.


Unstimmigkeiten. Natürlich versteht es sich von selbst, dass es kaum einen Star-Trek-Film ohne Widersprüche gibt.
Zum Beispiel Chekov, der im "Zorn des Khan" den genetisch aufgepimpten Supermenschen wiedererkennt, obwohl er zu dessen Auftritt in der Originalserie noch gar nicht zur Besatzung der Enterprise gehörte. Oder Klingonen, die sich kurzzeitig beim Schießen tarnen können, nur um diesen cleveren Trick im Verlauf der nächsten hundert Jahre wieder zu vergessen. Oder gar Kirk, der als erwachsener Mann in der Originalserie kein Auto fahren kann (vgl. "Epigonen"), aber im elften Kinofilm schon als Kind die Corvette seines Vaters über die sandigen Schotterpisten von Iowa pflügen lässt.
So gesehen muten die vielen Fehler im Film nur folgerichtig an.
Etwa der absichtliche Absturz der Franklin, den die Crew in Ermangelung eines Starthilfekabels zur Flucht vom Planeten nutzen. Oder die Tatsache, dass dieses Schiff das erste gewesen sein soll, das mit Warp vier fliegen konnte, obwohl selbst die NX-01 schon mühelos mit Warp fünf durch die Weiten der Galaxis kurvte. Oder gar die extrem bemühte Idee, dass man die einzelnen Schwarmschiffe Kralls durch eine Radioübertragung der Beastie Boys aus geringer Distanz gezielt zur Explosion bringen könnte.
Zugegeben, das alles klingt schrecklich schlecht zusammengeschustert, aber wenn man als neutraler Zuschauer ehrlich ist, haben all diese kleineren Schwachpunkte nicht nur irgendeinen nahen Verwandten in anderen Star.Trek-Filmen, sondern reichen darüber hinaus lange nicht an so dämliche Ideen wie das medizinisch wertvolle Unsterblichkeitsblut aus Augment-Venen, die rote Materie zur Planeten-Exterminierung oder das Beamen quer durch die Galaxis heran.



Die Figurenmotivation, hinlänglich bekannte Topoi und die grundlegende Botschaft.
Auch wenn sich Chris Pine und Zachary Quinto echt einen Wolf spielen und sich mächtig ins Zeug hängen, bleibt festzuhalten, dass es um ihre Motivation im Film ähnlich bestellt ist wie um die Kralls. Es ist ganz einfach nach zwei Filmen, in denen hinlänglich etabliert wurde, wie sich beide für die Enterprise entschieden haben, durch dick und dünn gegangen sind und für ihre Ansichten bereits zahlreiche Leben geopfert haben vielleicht ein paar Spuren zu dick aufgetragen, dass beiden nun plötzlich Zweifel um die Rechtmäßigkeit ihrer Anwesenheit kommen. Es wirkt mitunter so konträr, dass man streckenweise das Gefühl erlangt, dass dieser Kirk kaum mehr etwas mit dem gemein hat, den man über zwei Filme kennengelernt hat.
Dass sich hinter Krall dann auch noch ausgerechnet ein Mensch verbirgt, ist wieder einmal ein Beleg für die Einstellung vieler Schreiber, dass der Kosmos trotz seiner vielen fremden Spezies', seiner unendlichen Weiten und vielen Klasse-M-Planeten nicht in der Lage ist, Widersacher zu produzieren, die nicht der menschlichen Rasse entspringen. Wieder einmal sind die Bewohner der Erde nicht nur der Nabel der Welt, sondern des ganzen Weltalls.
Doch damit nicht genug, denn Lins Ankündigung im Vorfeld, dass Krall der Idee der Föderation ein gänzlich widersächliches Konzept entgegenhalten könnte, war nicht minder euphemistisch. Im Endeffekt war sein 'Gegenentwurf' zur dieser Menschheitsutopie in etwa so sinnvoll wie das Wahlprogramm der APPD eine echte Alternative zur Demokratie der Bundesrepublik ist.
Wer darin jedenfalls ernsthaft einen oder eine kritische Auseinandersetzung mit den Privatsphäre-Spionen der NSA, dem weltweiten Terrorismus oder der Daseinsberechtigung demokratischer Grundwerte sieht, den beglückwünsche ich hiermit amtlich für seine ausgesprochen lebhafte Fantasie und bemerkenswert wohlwollende Interpretationsfähigkeit.
Hinzu kommen massive Anleihen aus anderen Star-Trek-Folgen, die mehr oder weniger verschleiert daherkommen.
Der Plot um einen verjüngenden Planeten in einem lebensfeindlichen Nebel?
Klingt arg nach "Der Aufstand".
Die Station Yorktown?
Erinnert doch stark an die Dyson-Sphäre aus "Besuch von der alten Enterprise".
Und diese fiesen kleinen Schiffe, die dem Sternenflottenschiff das Leben schwer machen?
Die gab es auch schon in der Voyager-Folge "Der Schwarm".


Die Handlung. Hand auf's Herz:
Dieser Film wird den Fans nicht aufgrund seiner clever inszenierten Story in Erinnerung bleiben. Sie war eher ein mäßig schmückender Rahmen für die geballte Action, die den Film einem scheinbar nicht mehr an 'intellektuellen Inhalten interessierten Publikum' verkaufen soll.
Aber auch wenn dieser Punkt die allgemeine Kritik auf sich zieht, bleibt anzumerken, dass es wohl das Beste war, was der Autor und Darsteller Simon Pegg aus dem Script herausretten konnte. Nur zur Erinnerung: Nachdem Paramount ein vorheriges Drehbuch als „zu trekkig“ abgelehnt hatte, stand der Brite vor dem Dilemma, ein Drehbuch zu fabrizieren, das sowohl dem Regisseur, den
geldgebenden Paramount-Verantwortlichen und Fans gerecht werden sollte.
Als ob dieser Balance-Akt nicht schon schwierig genug wäre, musste er darüber hinaus auch den Tod Leonard Nimoys angemessen einarbeiten, den Inhalt mit dem überbordenden Star-Trek-Kanon in Einklang bringen, mehr oder weniger clevere Anspielungen für die eingefleischten Fans einbauen, ins Milieu passende Gags ersinnen und ausreichende Screentime für die siebenköpfige Stamm-Crew und die zwei Hauptgaststars generieren.
Auch wenn Pegg ein verdienter Autor ist, war diese Aufgabe eine wahre Mammut-Mission, bei der von Beginn an absehbar war, dass der ein oder andere Aspekt dabei zu kurz kommen würde. Misst man seine Fähigkeiten an seinen vorherigen Arbeiten, erreicht Beyond zwar beileibe nicht die anarchistisch-revolutionäre Qualität von Streifen wie "Hot Fuzz" oder "Shaun of the Dead", aber bildet eine stabile Leistung wie "The World's End" oder "Paul". 



Fazit. Auch zum fünfzigsten Jubiliäum erfindet sich trotz neuen Personals weder Star Trek,  noch der Abrams-Reboot neu. Stattdessen bietet Paramount wieder einmal einen Film, der den Spagat zwischen dem vermeintlichen Interesse unbedarfter Kinogänger und den Erwartungen alteingesessenen Fans versucht.
Tatsächlich werden dabei (mehr als üblich) viele Nuancen und Feinheit nur Fans zugänglich sein, denen der Film darüber hinaus Gelegenheit bietet, einen angemessenen Abschied von den verstorbenen Darstellern Leonard Nimoy und Anton Yelchin zu nehmen,
Dennoch bleibt Star Trek Beyond auch ohne direkte Mitwirkung J.J. Abrams ein Teil seines Erbes, in dem man vergeblich nach dem Anspruch, der philosophischen Grundhaltung oder gesellschaftlichen Auseinandersetzung vergangener Tage sucht.
Durch Rückbesinnung auf die Charaktere und ihre Interaktionen ist es dem Film zum fünfzigsten Jubiläum aber immerhin gelungen, erstmals ein echtes Bindeglied zwischen dem stilprägenden Original und dem rasanten Reboot auszubilden.


Einordnung in die Film-Reihe. Will man Star Trek Beyond mit den restlichen Star-Trek-Filmen vergleichen, verlangt die Ehrlichkeit zu bescheinigen, dass er bei Weitem nicht mit den Glanzlichtern der Reihe wie "Der Zorn des Khan", "Der erste Kontakt" oder "Das unentdeckte Land" mithalten kann.
Andererseits liegt er trotz vorhandener Makel noch immer qualitativ Längen vor "Star Trek: Der Film" oder "Am Rande des Universums".
Ich persönlich muss sogar hinzufügen, dass ich ihn – gerade weil er positiv aus der Tradition typischer Abrams-Filme herausbricht – für den stärksten der Reboot-Filme halte, weil er als erster eine wirkliche Brücke zwischen dem Original und der Neuauflage zu schlagen vermag.
Doch die Mängel in puncto Handlung, Antagonist oder Action-Verteilung hieven Beyond eher auf eine Stufe mit „Auf der Suche nach Mr. Spock“ und vor „Nemesis“; wobei die offensichtlichen Ähnlichkeiten den Streifen am ehesten in eine unmittelbare Nähe zu „Der Aufstand“ rücken.
Letztendlich kann man dem Film im Gesamteindruck eine Position im unteren bis zentralen Mittelfeld zuweisen: In meiner (ganz persönlichen) Liste ist dem Film eine Platzierung um Rang sieben sicher.

Bewertung.


Denkwürdige Zitate.

"Auf abwesende Freunde."
James T. Kirk